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Die Institution der Religion

So steht in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ einem Stück dieser Dramatik, nicht das „innere Wesen der Religion“, die Existenz Gottes, der Glaube zur Diskussion. Was zur Diskussion steht, ist das Verhalten des religiösen Menschen (soweit es von außen wahrnehmbar ist), das Reden von Gott, die Bemühungen der Menschen, Glaube zu erzeugen. Das Ziel des Stückes, eine tiefgreifende und zum Handeln ausreichende Erkenntnis der großen gesellschaftlichen Prozesse unserer Zeit zu vermitteln, würde verfehlt werden durch eine „Lästerung“ Gottes oder durch eine Verächtlichmachung des religiösen Verhaltens. Denn wichtig ist von diesem Standpunkt aus die Aufspürung der Folgen religiösen Verhaltens in ganz bestimmten Situationen unserer Zeit und eines ganz bestimmten historischen, jetzt wahrnehmbaren Verhaltens (...)
Die Bewegung der Schwarzen Strohhüte wird gezeigt als eine in sich widerspruchsvolle: Zu ihr gehören untrennbar das Ingenium (die Johanna Dark) und der Apparat (Paulus Snyder und die übrige Station). In den Streit dieser Gegensätze darf sich aber der Zuschauer nicht zu sehr einmischen. Er soll nicht etwa die Johanna anerkennen und den Apparat verwerfen oder umgekehrt. Seine Kritik soll erfolgen an dem Ganzen der betreffenden Institution, denn im gesellschaftlichen Prozeß tritt die in sich widerspruchsvolle Institution als ein Ganzes auf. Weder die Johanna allein noch der Apparat allein könnte jene Folgen zeitigen, die in der Wirklichkeit wahrnehmbar sind. Ebenso ist auch die „andere Welt“ der Schlachthöfe eine widerspruchsvolle Einheit, und in gewisser Weise, nämlich den ausgesperrten Arbeitern gegenüber- und hier erst erfolgt der eigentliche große kritische Hinweis auf die Unhaltbarkeit unserer Zustände durch das Stück-, bilden Johanna und Mauler, mit ihnen die Schwarzen Strohhüte und die Besitzer der großen Produktionsmittel, eine Einheit (...)
Um die Warnung der Johanna Dark
„Darum, wer unten sagt, dass es einen Gott gibt
Und kann sein unsichtbar und hülfe ihnen doch
Den soll man mit dem Kopf auf das Pflaster schlagen
Bis er verreckt ist.“
zu verstehen, muß man sie genau nehmen und wird dann sehen, dass sie keineswegs über Gott spricht, sondern über das Reden von Gott, und zwar über ein bestimmtes Reden in einer bestimmten Situation und von bestimmten Aussagen über Gott. Sie spricht nämlich von jenen Reden, nach denen Gott keinerlei Wirksamkeit in gesellschaftlicher Hinsicht zu haben braucht, an einen solchen Gott glaubend, müssen die Menschen nichts bestimmtes durchsetzen. Es genügt, wenn sie innerlich gewisse Sensationen verspüren. Der Glaube, der hier anempfohlen wird, ist ein folgenloser, was die Umwelt betrifft, und (...) ihn anzuempfehlen, nennt die Johanna ein soziales Verbrechen.“

Bertolt Brecht, 1930, Gesammelte Werke, Bd. 17 S. 1019- 1021, Ausschnitte

Termine

  • 11. Februar 2011 (Freitag), 20:00 Uhr
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  • 19. Februar 2011 (Samstag), 19:30 Uhr
  • 20. Februar 2011 (Sonntag), 20:00 Uhr
  • 04. März 2011 (Freitag), 20:00 Uhr
  • 05. März 2011 (Samstag), 20:00 Uhr
  • 26. März 2011 (Samstag), 20:00 Uhr
  • 27. März 2011 (Sonntag), 20:00 Uhr
  • 01. April 2011 (Freitag), 20:00 Uhr
  • 02. April 2011 (Samstag), 20:00 Uhr
  • 17. September 2011 (Samstag), 19:30 Uhr

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